marianne hoppe
„sie wollen mich interviewen?“, hat marianne hoppe gesagt und den kopf geschüttelt. „ich weiß nicht, ich könnte mich langweilen.“ nach einigen briefen und etlichen telefonaten öffnet sie mir dann doch ihre wohnungstür in berlin-charlottenburg.
marianne hoppe, bühnenstar und filmlegende, pfundskerl und grande dame, lädt zur audienz. arbeit mit max reinhardt, helmut käutner, robert wilson und heiner müller; ehe mit gustaf gründgens; freundschaft mit ödön von horváth und theodor w. adorno; 86 jahre gelebtes leben. immer noch steht sie auf der bühne. erst kürzlich erhielt sie den bayrischen ehren-filmpreis für ihr lebenswerk.
wie lebt es sich als legende? sie wirft mir einen blick zu, murrt, knurrt, und sagt dann mit klirrendem hochmut: „legende! ich selbst habe mich nie so genannt. ich bin ja wohl lebendiger als eine legende.“
in der tat, derzeit zeigt sie als madame groneille in „monsieur verdoux“ auf der bühne des berliner ensembles nicht das geringste zeichen von gebrechlichkeit. „mir ist vom lieben gott gesundheit geschenkt worden.“ und lebensfreude? sie antwortet nicht. hat sie die frage nicht verstanden? will sie nicht antworten? nach einer pause, widerwillig: „man hat gern zu leben. ich lebe eigentlich gern. bleibt mir ja nix anderes übrig.“ winkt ab, greift sich an die schläfen. „sie malträtieren meinen armen kopf!“
hauptsache, sie langweilt sich nicht. hoppe wurde als tochter eines gutsbesitzer in rostock geboren. sie wuchs in der mark brandenburg auf. sie war fünf, als sie sich verwandten mit bühnenreifen worten vorstellte: „marianne hoppe heißt dieses kind.“ marianne hoppe steht auf, holt ein vergilbtes foto, hält es mir hin, zieht es wieder weg. „damals begann die spaltung“, sagt sie leise und lächelt sibyllinisch. die spaltung? sie wird wütend. „spal-tung!“, donnert ihre berühmte stimme. „sie müssen doch wissen, was ich meine. das eine und das andere, ja?“
sie schaut finster. sie mag nicht, wenn man ihr widerspricht. aber noch weniger mag sie, wenn man ihr nach dem munde redet. unpräzise fragen langweilen sie. präzise fragen erregen ihren unmut.
wir gleiten in die gegenwart, auf harmloses terrain. gerade war ihr sohn zu besuch. benedict percy, 51, arbeitet als journalist. gemeinsam haben sie die hauptstadt erkundet. „das köpenicker rathaus ist urgemütlich.“ ich frage, ob ihr sohn ihr ähnelt. sie bellt: „warum interessiert sie das?“
während ich erneut das thema zu wecheln suche, schweift hoppes blick unruhig durchs zimmer. „wo ist meine brille?“ wir suchen ihre brille und finden sie. „ich weiß noch, wie es begann“, sagt marianne hoppe, wieder versöhnt, und legt die brille achtlos weg.
„ich war 17, stieg am s-bahnhof friedrichstraße aus, lief die albrechtstraße hoch zum deutschen theater.“ sie blickt zur decke, schweigt, lächelt. „man geht seinen weg...“ dann sieht sie misstrauisch zu mir herüber. „du kannst dir nicht entfliehen." ich nicke betreten. „das ist von heine“, sagt sie.
marianen hoppe hat viele berühmte menschen getroffen. wen vermisst sie am meisten? „thomas bernhard“. dann eine hoppesche breitseite: „kennen sie wohl auch nicht?“
nun, da ich am boden liege, galoppiert sie sattellos durch ein ganzes jahrhundert. ganz gleich, wonach ich frage, hoppe erzählt, was sie will. gravitätisch und gestenreich spaziert sie durch ihr leben. ich hänge an ihrem grell geschminkten mund. um schritt zu halten, muss man historisch und kulturell auf der höhe zu sein.
gerade ist der krieg zu ende. die russen kommen in ihre berliner wohnung. „ich holte eine flasche wein aus dem verschlag, goß ein...“ der rest ist pantomime. marianne hoppe gießt. ein luftglas voll, in zweites, ein drittes, ein viertes. es waren also drei russen? sie nickt. „das sind so situationen, kinder“, sagt sie plötzlich laut und rau. „das ist ja nicht ausgedacht. das ist ja wahr. aber was wissen sie schon!“
„stimmt es, dass goebbels ihnen nachstellte?“ – „der stellte doch allen nach.“ und hitler? „hitler.“ sie versinkt in gedanken. „der lud uns zum essen ein. ich habe gedacht: diese leute seh ich mir an.“ sie nickt höflich zur rechten seite. da sitzt adolf hitler am tisch, ein stück weiter brigitte horney. eisiges schwiegen. räuspern. keinem fällt etwas ein. „und da habe ich gesagt: ‚ja, ihre straßen, mein führer...’“
hoppe schüttelt sich und ist wieder im jetzt. sie springt auf und durchmisst das mit rosa teppich ausgelegte zimmer, wühlt neben dem bett, geht in die küche. schließlich suchen wir gemeinsam ihre zigaretten. „sweet afton“, virginia-tabak.
die wohnung ist spartanisch eingerichtet: fernseher, bett, schreibtisch, kleiderstange im flur. wo ist ihr zuhause? „zuhause! der polgar hat gesagt, er lebe überall ein bisschen ungern. ich lebe überall ein bisschen gern.“ dann raucht sie, in feldherrenpose. nimmt einen karierten schreibblock. sucht wieder ihre brille. findet sie. macht sich notizen. „man – geht – seinen – weg“, murmelt sie, während sie schreibt. dieser satz beschäftigt sie in letzter zeit.
auch gustaf gründgens kreuzte diesen weg. „er war ein großartiger, herrlicher mann“, sagt hoppe. „ein großer künstler.“ sie spricht jetzt sehr leise. ich wage nicht zu atmen. sie sitzt mit gründgens im auto. er beugt sich vor, fragt leise: „würden sie mich heiraten?“ sie strahlt, sagt ja. „einige wochen später gingen wir zum standesamt. sein vater und sein bruder waren trauzeugen.“ marianne hoppe hebt theatralisch die hände, hält inne, als sei die geste hier vor mir vergeudet, lässt die arme sinken, schweigt lächelnd. neigt hoheitsvoll den kopf. lauscht.
meine frage, ob gustaf grüdngens nicht männer liebte, findet sie „unziemlich“. ihre stimme wird nun wieder lauter, schärfer. „was heißt hier homosexuell? alles ist liebe. ihr teilt nur immer ein. das ist dieses, das ist jenes. dabei ist alles so einfach. man geht seinen weg.“
marianne hoppe jedenfalls geht ihren weg. auch, wenn er manchmal dornig ist. als sie in heiner müllers stück „quartett“ über die „krümmung der schwänze“ sprechen sollte, protestierte die damals 83jährige. „müller, ich kann das nicht! das schadet meiner karriere!“
marianne hoppe, bühnenstar und filmlegende, pfundskerl und grande dame, lädt zur audienz. arbeit mit max reinhardt, helmut käutner, robert wilson und heiner müller; ehe mit gustaf gründgens; freundschaft mit ödön von horváth und theodor w. adorno; 86 jahre gelebtes leben. immer noch steht sie auf der bühne. erst kürzlich erhielt sie den bayrischen ehren-filmpreis für ihr lebenswerk.
wie lebt es sich als legende? sie wirft mir einen blick zu, murrt, knurrt, und sagt dann mit klirrendem hochmut: „legende! ich selbst habe mich nie so genannt. ich bin ja wohl lebendiger als eine legende.“
in der tat, derzeit zeigt sie als madame groneille in „monsieur verdoux“ auf der bühne des berliner ensembles nicht das geringste zeichen von gebrechlichkeit. „mir ist vom lieben gott gesundheit geschenkt worden.“ und lebensfreude? sie antwortet nicht. hat sie die frage nicht verstanden? will sie nicht antworten? nach einer pause, widerwillig: „man hat gern zu leben. ich lebe eigentlich gern. bleibt mir ja nix anderes übrig.“ winkt ab, greift sich an die schläfen. „sie malträtieren meinen armen kopf!“
hauptsache, sie langweilt sich nicht. hoppe wurde als tochter eines gutsbesitzer in rostock geboren. sie wuchs in der mark brandenburg auf. sie war fünf, als sie sich verwandten mit bühnenreifen worten vorstellte: „marianne hoppe heißt dieses kind.“ marianne hoppe steht auf, holt ein vergilbtes foto, hält es mir hin, zieht es wieder weg. „damals begann die spaltung“, sagt sie leise und lächelt sibyllinisch. die spaltung? sie wird wütend. „spal-tung!“, donnert ihre berühmte stimme. „sie müssen doch wissen, was ich meine. das eine und das andere, ja?“
sie schaut finster. sie mag nicht, wenn man ihr widerspricht. aber noch weniger mag sie, wenn man ihr nach dem munde redet. unpräzise fragen langweilen sie. präzise fragen erregen ihren unmut.
wir gleiten in die gegenwart, auf harmloses terrain. gerade war ihr sohn zu besuch. benedict percy, 51, arbeitet als journalist. gemeinsam haben sie die hauptstadt erkundet. „das köpenicker rathaus ist urgemütlich.“ ich frage, ob ihr sohn ihr ähnelt. sie bellt: „warum interessiert sie das?“
während ich erneut das thema zu wecheln suche, schweift hoppes blick unruhig durchs zimmer. „wo ist meine brille?“ wir suchen ihre brille und finden sie. „ich weiß noch, wie es begann“, sagt marianne hoppe, wieder versöhnt, und legt die brille achtlos weg.
„ich war 17, stieg am s-bahnhof friedrichstraße aus, lief die albrechtstraße hoch zum deutschen theater.“ sie blickt zur decke, schweigt, lächelt. „man geht seinen weg...“ dann sieht sie misstrauisch zu mir herüber. „du kannst dir nicht entfliehen." ich nicke betreten. „das ist von heine“, sagt sie.
marianen hoppe hat viele berühmte menschen getroffen. wen vermisst sie am meisten? „thomas bernhard“. dann eine hoppesche breitseite: „kennen sie wohl auch nicht?“
nun, da ich am boden liege, galoppiert sie sattellos durch ein ganzes jahrhundert. ganz gleich, wonach ich frage, hoppe erzählt, was sie will. gravitätisch und gestenreich spaziert sie durch ihr leben. ich hänge an ihrem grell geschminkten mund. um schritt zu halten, muss man historisch und kulturell auf der höhe zu sein.
gerade ist der krieg zu ende. die russen kommen in ihre berliner wohnung. „ich holte eine flasche wein aus dem verschlag, goß ein...“ der rest ist pantomime. marianne hoppe gießt. ein luftglas voll, in zweites, ein drittes, ein viertes. es waren also drei russen? sie nickt. „das sind so situationen, kinder“, sagt sie plötzlich laut und rau. „das ist ja nicht ausgedacht. das ist ja wahr. aber was wissen sie schon!“
„stimmt es, dass goebbels ihnen nachstellte?“ – „der stellte doch allen nach.“ und hitler? „hitler.“ sie versinkt in gedanken. „der lud uns zum essen ein. ich habe gedacht: diese leute seh ich mir an.“ sie nickt höflich zur rechten seite. da sitzt adolf hitler am tisch, ein stück weiter brigitte horney. eisiges schwiegen. räuspern. keinem fällt etwas ein. „und da habe ich gesagt: ‚ja, ihre straßen, mein führer...’“
hoppe schüttelt sich und ist wieder im jetzt. sie springt auf und durchmisst das mit rosa teppich ausgelegte zimmer, wühlt neben dem bett, geht in die küche. schließlich suchen wir gemeinsam ihre zigaretten. „sweet afton“, virginia-tabak.
die wohnung ist spartanisch eingerichtet: fernseher, bett, schreibtisch, kleiderstange im flur. wo ist ihr zuhause? „zuhause! der polgar hat gesagt, er lebe überall ein bisschen ungern. ich lebe überall ein bisschen gern.“ dann raucht sie, in feldherrenpose. nimmt einen karierten schreibblock. sucht wieder ihre brille. findet sie. macht sich notizen. „man – geht – seinen – weg“, murmelt sie, während sie schreibt. dieser satz beschäftigt sie in letzter zeit.
auch gustaf gründgens kreuzte diesen weg. „er war ein großartiger, herrlicher mann“, sagt hoppe. „ein großer künstler.“ sie spricht jetzt sehr leise. ich wage nicht zu atmen. sie sitzt mit gründgens im auto. er beugt sich vor, fragt leise: „würden sie mich heiraten?“ sie strahlt, sagt ja. „einige wochen später gingen wir zum standesamt. sein vater und sein bruder waren trauzeugen.“ marianne hoppe hebt theatralisch die hände, hält inne, als sei die geste hier vor mir vergeudet, lässt die arme sinken, schweigt lächelnd. neigt hoheitsvoll den kopf. lauscht.
meine frage, ob gustaf grüdngens nicht männer liebte, findet sie „unziemlich“. ihre stimme wird nun wieder lauter, schärfer. „was heißt hier homosexuell? alles ist liebe. ihr teilt nur immer ein. das ist dieses, das ist jenes. dabei ist alles so einfach. man geht seinen weg.“
marianne hoppe jedenfalls geht ihren weg. auch, wenn er manchmal dornig ist. als sie in heiner müllers stück „quartett“ über die „krümmung der schwänze“ sprechen sollte, protestierte die damals 83jährige. „müller, ich kann das nicht! das schadet meiner karriere!“
bz am sonntag, 2. märz 1997