Seite 1 von 31+>
24.12.2009
23:24
leipzig
deutschland
 
weihnachtsgeschichte
ich habe heute einen selbst bestimmten, wunderbaren heiligabend verbracht. hier wurde heute die wahrheit gesprochen. hier wurde gegessen, was schmeckt, getrunken, was knallt und gearbeitet (das bedeutet in meinem fall: lesen und schreiben). im engsten kreise. allein. sehr gut war das, kräftigend und gedankenschärfend. auch eine radikale abholzerin wie ich hat familie und damit verknüpfte familiäre verpflichtungen, aber diese sind auf ein bekömmliches minimum reduziert. kraft schöpft, wer nicht das ritual über die seelenschwingung stellt. lächeln lernt, wer nicht in terminierter freundlichkeit verharrt. versöhnung ist geplant, aber artet gerade zu weihnachten gern in verstellung aus. besinnlichkeit und frieden werden von zähneknirschen überlärmt. und wofür das alles? für ein bißchen lametta?
aber nicht über weihnachten will ich schreiben, sondern über familie. wer sich von der verwandtschaft löst, sucht oft interessanterweise nicht das alleinsein, sondern ersatz - eine art gegen-verwandtschaft. wer das heimatliche ritual zertrümmert, baut sich - wie im fall von twitter - vielleicht ein virtuelles ritual. so nah und doch so fern. uns, pling, wird sofort wieder die famlie imitiert. vater mutter kind bruder schwester pipapo. auch hier wird aufgestanden, gefrühstückt, gelitten, gefreut, zeitung gelesen, trash-tv gekuckt. hier werden kosenamen vergeben, überschwenglichkeiten in die welt getrötet und geschenke verschickt. auch hier werden süßliche komplimente getauscht und fronten gebildet, aus denen gegenfronten entstehen. manches berührt, aber nicht alles ist aufrichtig, eine hand wäscht die andere: favst du meine tante, fav ich deine tante.
es entstehen verbindlichkeiten, beziehungen, mitunter richtig kreative beziehungen und, wie man hört, sogar freundschaften. es werden talente entdeckt und gefördert. prima sache. aber wieviel fruchtbarer... auch auf die gefahr hin, dass ich mich wiederhole... wäre eine gruppe ohne vereinsmeierei, ohne folg-zwang, rückfolg-zwang, fav-gemauschel, listenmist, individuelles oder kollektives beleidigtsein und, vor allem, ohne das siamesische geschwisterpaar täuschung und enttäuschung. xy, den ich einst wegen hoher reply-frequenz entfolgte, ist nun für immer eingeschnappt und hetzt auch andere auf. er fühlt sich zurückgesetzt. yz, den ich sehr gern lese, folgt mir nicht zurück, da kann ich mich auf den kopf stellen. treib ich ihm deswegen ein verbalbeil in die kalotte? winsel ich, bettel ich, schalte dritte zur vermittlung ein? shit happens.
ich suche nicht permanente familie, ich suche temporäre schwingung. ich fühle mich nicht aufgehoben, wenn mir etwas vertraut ist, sondern angeregt, wenn mir etwas fremd ist. ich brauche niemand, der meinen tonfall nachahmt, ich brauche jemand, der einen eigenen hat. dass menschen morgens frühstücken und abends zu abend essen, ist tröstlich und kommt in den besten familien vor, aber wenn ich so ein ritual wollte, dann würde ich jetzt meinem ehemann schnittchen schmieren.
wenn ich also jemanden entfolge, dann nur, um mich neuen einflüssen auszusetzen. wenn mich jemand entfolgt - adieu. danke für den spaziergang, er war kurz, er war schön, jetzt sind wir da. wir begegnen uns, aber das heißt doch nicht, dass wir auf gedeih und verderb mit hexenstich zusammengenäht sind. das ist kein pärchenbetrieb, das ist ein reißender strom. warum nicht kommen und gehen? oder wenigstens kommen lassen und gehen lassen?
warum nicht etwas--- libertiner? das folgen ist wie ein abo. da muss man alles fressen. erst probe, dann tritt der vertrag in kraft (gewohnheitsrecht). unfeuerbar. reinklagen. wer a sagt, muss auch b sagen.
muss er? wo steht das? das gebietet der gute ton? wer sagt das?
so eine twitter-clique darf sich doch nicht einmauern wie die ddr. sonst wird noch schmorbraten draus. der köchelt und köchelt und verliert den saft und da liegt er, der olle klumpen, hart wie zement. bei der gegenseitigen belebung, der befruchtung fängt es an, bei der limitierung, der lähmung hört es auf. erst spornen wir uns an, feuern uns an, entdecken uns, dann bremsen wir uns aus und nerven uns und denken nicht-schon-wieder und nörgeln aneinander herum. oder sollte groucho marx recht haben, sollte ich wirklich nicht mitglied einer gruppe sein wollen, die leute wie mich aufnimmt?
 
20.07.2009
17:50
leipzig
deutschland
 
kleiner rückfall
ich lebe nicht nur „auf der spitze meines kugelschreibers“, wie gottfried benn es formuliert hätte, einer, den wir heute hochmütig einen „alten mann mit kugelschreiber“ nennen würden. ich lebe auch wirklich, ich schlafe, esse, lese, tanze, etc. seit 3 monaten aber lebe ich nebenher in einer welt, in der @ariztweet übers wetter dichtet, @prachtmaedchen in seinen projektleiter verliebt ist und @mutterhase die pubertät ihrer tochter beargwöhnt. in dieser meiner neuen märchenwelt kann @silenttiffy nachts nicht schlafen, @frauenfuß malt jeden follower, @mlle_amandier gibt die begabte rotzgöre, @frau_elise fragt, ob käsepaste empfehlenswert ist, der @vergraemer und herr @haekelschwein produzieren unaufhörlich geistreich-skurriles, @derfreitag hält mich auf dem laufenden, die @gebenedeite entzückt mich mit lakonischen einzeilern, @sibylleberg und @fiktionaere twittern literarische häppchen, @schmeichelbot macht komplimente, @tourettebot flucht, @joshvonstaudach zeigt uns seine fotos, @mspro rät mir rund ums web, @ennomane beantwortet fragen zu den piraten, @wimbauer hilft mir, wenn ich ein seltenes buch suche und @saschalobo teilt das meer.
es ist, als hätte ich, eine einzelgängerin und eigenbrötlerin, die auf jeden zornig ist, der auch nur wagt, anzurufen, plötzlich tag und nacht die bude voll. 140 menschen reden dort durcheinander. meist monologisieren sie, manchmal verstricken sie sich in gespräche. sie schildern ihre stimmungen, ihre reisen, ihre empörungen, ihre zyklen. neulich habe ich mich mit einer twitterin namens @puppiges spontan geprügelt. ich hatte soeben das wort „twitte“ erfunden und twitterte „ey du twitte“. @puppiges twitterte zurück „selber twitte“. so ergab eins das andere, @schlenzalot gab den ringrichter, und ich produzierte virtuelle twittermarmelade aus @puppiges. das war lustig, und die differenzfeministin @antjeschrupp musste hinterher einschätzen, ob virtuelle catfights sexistisch sind. dennoch hab ich die konversation stunden später gelöscht. es war situationskomik, ein augenblick, vorbei, verweht, nie wieder. ich konserviere einen moment, der sich einem neuleser, einem zurückleser, nicht erschließen würde, nicht im netz, nur im herz.
man soll auch nicht vom wege abgehen. wir wissen ja, wie es rotkäppchen erging. und wie hat es mich nur in diesen virtuellen märchenwald verschlagen? es fing ganz harmlos an. meine freundin aus new york mailte „hey, steve buscemi ist wieder besoffen.“ –„ach!“, schrieb ich, „woher weißt du?“ – „na, weil er das grad getwittert hat.“ ge-was? da fiel mir ein, ich hatte kurz vorher gelesen, dass thorsten schäfer-gümbel als erster deutscher politiker ein interview via twitter gegeben hatte. der wenig charismatische schäfer-gümbel ging noch hier rein da raus, aber wenn steve buscemi twitterte, dann wollte ich wissen was verdammt noch mal das ist.
ein asteroidenschlag! ein erdbeben! bereits nach wenigen twitter-tagen beschloß ich, mein internet-tagebuch nach neun jahren stillzulegen. ich wurde, wie viele twitter-neulinge, erst mal eine followerin von den üblichen, von obama, von david lynch, von stephen fry, von ashton kutcher, von @oprah und selbstredend von @steve_buscemi. der war unglaublich. er soff, er hurte rum, er provozierte, er fotografierte jedes sandwich, bevor er es aß, und einmal sogar sein quietsche-entchen. es war schon fast unheimlich. es war, als lebte er mit mir, tag und nacht. ich war ein bisschen verliebt. in kürzester zeit hatte buscemi 30 tausend followers. vielleicht waren die alle ein bisschen verliebt.
es war ein schwarzer tag, als sein fake-account aufflog. der mann war nicht steve buscemi, der war irgend jemand. was ging mich irgendjemandes quietsche-entchen an? für mich ging eine beziehung zuende. überdies war ich enttäuscht von obama pr-büro-links, von stephen frys angeblich literarischen texten, und david lynch, einer meiner top regisseure, verstörte mich regelrecht mit seinem verschwiemelten jürgen-fliege-ton.
eines tages folgte mir harald schmidt. das fand ich merkwürdig. es war zwar nicht ganz unmöglich, denn ich war zweimal zu gast in seiner show, damals, bei sat.1, aber twittern? na gut, vielleicht war @bonitotv jemand aus seiner redaktion. aber nein. auch dies war ein fake-account. reiner @calmund und @yokoono bedankten sich persönlich für mein folgen – mit einer standard-antwort zwar, aber immerhin. ich fand sie trotzdem irgendwann fad und kickte sie aus meiner timeline.
auf einen neu-twitterer stürmt sehr schnell sehr viel ein. erst findet eine art einbürgerungstest statt: lernt man selbstständig, was zu tun und zu lassen ist oder fragt an jemanden? was ist DM, was ist faven, was ist hashtag, was ist timeline? und wie ist die follow/unfollow-funktion zu managen? was hat das mit dem blocken auf sich, wie füllt man 140 zeichen, wie oft und, vor allem, womit?
ich wusste schnell, dass ich keine „mir ist so langweilig“ tweets schreiben wollte. auch, dass ich nicht vielen twitterern folgen wollte, weil das meine möglichkeiten als ein-mann-firma übersteigt. mein vorsatz war und ist, dass jeder meiner leser, und ich spreche von den lesern meiner bücher, jeder meine fernseh-zuschauer, es leicht haben würde, mich bei twitter zu finden und zu lesen. keine geheimsprache, kein verschwörerton, kein herrschaftswissen. just a place to be.
über twitter würde der fiktive zuschauer oder leser meine zeitungstexte finden, den termin meiner sendung erfahren, er würde wissen, wann lesungen sind, und ich würde aus meinen büchern zitieren. das wäre die pflicht. die kür bestünde in filmtipps, buchtipps, empfehlungen anderer twitterer und, sollte ein krümchen vom tisch des herrn fallen, hier und da ein bonmot. kurz: ich würde twitter inhaltlich und sprachlich auf meine bedürfnisse zuschneiden.
für mich funktionieren nur maßgeschneiderte lösungen. auch mit bloggersoftware von der stange bin ich nicht klargekommen. die twitter-familie hat mich gut aufgenommen. aber mein versuch, die zahl derer, denen ich folge, für überschaubar (140 scheint das maximum) und meine tweets „sauber“ zu halten, also täglich flüchtige gedanken, tagesaktuelle kommentare und replies zu löschen, führt zu kritik anderer twitterer. ein umstand, den ich bedauere, aber nicht leider ändern kann. ein beliebter kritikpunkt ist darüber hinaus der vorwurf, man wolle sich vermarkten.
was ist daran verwerflich? selbstverständlich will ich mich vermarkten. 1. weil das unabdingbar ist in meinem beruf, 2. weil ich das selbst – nach leidvollen erfahrungen mit fremdvermarktern – am besten kann und 3. weil sich jeder, der sich öffentlich äußert, vermarktet, manche gut, manche schlecht.
der mitschwingende twitter-tenor ist oft, wenn man schon mitspielt, dann richtig. man sollte sich revanchieren, also all denen folgen, die einen selbst verfolgen, und zwar möglichst für immer, so was wie ehe oder immobilienkauf. das lehne ich ab.
@stricktier hat mich heute beim „um-zu-twittern“ ertappt, und sie hat letzlich recht. für mich war twitter als idee weder eine kontaktbörse noch ein posiealbum. twitter ist work in progress. klar lerne ich menschen kennen, klar tausche mich aus, aber am ende des tages ziehe ich sehr wohl einen strich zwischen mir und dem „publikum“. andere verstehen twitter als politische plattform, als hobby, als beichtstuhl, als stammtisch. für mich ist twitter das eingangs zitierte leben auf der spitze meines kugelschreibers.
was nicht heißt, dass nicht auch meine stimmungen gelegentlich sichtbar sind. was nicht heißt, dass ich mich nicht für andere künste, konzepte und menschen interessiere. für originale wohlgemerkt, nicht für plagiate. menschen, die ich – in welchem bereich auch immer - für originale halte, habe ich bisher im deutschsprachigen twitterraum wenige gefunden, etwa 200, wenn ich es in zahlen schätzen soll. nur 140 davon kann ich leider folgen. aber ich switche hin und her. wen ich vermisse, dem folge ich wieder.
seit einigen tagen geht twitter – über den unbestreitbaren suchtfaktor hinaus - für mich auf die nächste ebene. es gibt twitterer, an die ich beginne, mich emotional zu binden, die meine stimmungen beeinflussen. das löst bei mir ein zwiespältiges gefühl aus. manchmal muss ich mich einen tag rausziehen. es gibt twitterer, die mich ermahnen, ich solle dies nicht tun, sondern jenes. allein dass ich zum beispiel nichts gegen @saschalobo einzuwenden habe, ist offenbar für manche aktuell ein ärgernis. denn er hat ja die bewegung verraten, indem er im vodafone-spot auftritt, er wird ein star (sauerei), er spielt sich angeblich als führer auf, obwohl ihn keiner gewählt hat, und zu allem überfluß hat er erfolg und verdient geld (nach „selbstvermarktung“ zwei weitere todsünden in deutschland – unsere helden sind gefälligst erfolglos, selbstlos und arm, alle sollen es gleich schlecht haben), und wer nicht für uns ist, ist gegen uns.
was also mache ich, die ich mich lebenslang nicht in gruppen einordnen konnte, an diesem erkenntnis-punkt? @stricktier empfiehlt, „wie wäre es damit, einfach "bei uns" zu bleiben, statt nach "denen da draußen" zu schauen?“ ein großmütiger vorschlag. ich würde gern dankend annehmen, aber ich verstehe die frage nicht. soll i aus meim hause raus? soll ich aus meim hause nit raus? einen schritt raus? lieber nit raus? hab ich die probezeit nicht bestanden?
nach knapp drei monaten ist die twitterei aus meinem täglichen leben nicht mehr wegzudenken. wie auch früher beim bloggen entscheide nur ich, welche themen ich wie behandele, mit wem ich mich worüber unterhalte, wem ich antworte, wen ich empfehle und wie lange welcher tweet stehen bleibt. wie auch beim bloggen ist nicht jeder von meiner art, mir das leben zurechtzuschneidern, begeistert.
auch im märchenwald gibt es grüppchenbildung, grabenkämpfe, eifersucht, rechtfertigungszwang. es ist genau wie draußen, nur eben kleiner. meine twitterkrise kann ich mit einer liedzeile von johnny dowd beenden: „i know what i know, i do what i do. you don’t like my coat? fuck you!“ oder fällt so ein schluß aus dem angedachten märchenrahmen? dann hab ich einen niedlicheren parat: ich hab ein knusperhäuschen in twitterhausen bezogen. und wenn ich nicht gestorben bin, dann lebe ich noch heute da.
 
27.06.2009
19:18
leipzig
deutschland
 
Tagebuch Bild
 
25.04.2009
18:37
outer mongolia
outer space
 
teufel
wenn man etwas überlebt (und das tun wir ja, streng genommen, täglich alle - ich meine, außer denen, die es doch nicht schaffen, aber die lesen ja hier grad nicht mit... wo war ich?)... wenn man also etwas überlebt, dann ist das ja immer ein anlaß, zu feuern. feiern. im nachhinein stellt man, im überschwange, zusammenhänge her, die nachweislich nie bestanden haben, und hält die ganze sache für einen glücklichen zufall oder gar einen schicksalswink.
egal. es gibt gut und gern teile meines leben, denen ich mich nicht verpflichtet fühle. ich hab mich manchmal verzettelt, manchmal verzottelt, aber immer wieder gefangen. und immer wieder befreit.
der trick ist: in seiner eigenen hölle teufel sein.
zitat des tages: "man muss nur zehntausend stunden an einer sache arbeiten", malcolm gladwell
lied des tages: journeyman, the lovetones.
 
21.04.2009
21:19
leipzig
deutschland
 
mehr als 140 zeichen
freunde der sonne, es vergeht kein tag, an dem ich nicht lange, differenzierte, wohl begründete abschiede kriege. das ist offenbar ein frühling der abschiede. aber auch einer der neuzugänge. ich wähle mir sozusagen, der not gehorchend, ein neues volk.
zitat des tages: "ich twitter am ganzen körper" (anonym)
lied des tages: the backseat von the gaslight anthem.
 
Seite 1 von 31+>